Analog

Rolleiflex

Der überwiegende Teil der Fotos auf dieser Homepage ist mit der Rolleiflex entstanden, oder ihrer kleinen Schwester, der Rollei 35. Zur zweiäugigen Rollei kam ich 1990 durch Zufall: Eigentlich suchte ich eine Pentax 6×7. Eben eine Spiegelreflex mit mehr Format. Die erste (und wie sich zeigen sollte, auch die einzige) Antwort auf meine Suchanzeige nach einer Mittelformat-Kamera war eine gebrauchte Rolleiflex 3,5 E aus dem Jahre 1958. Das Gewicht, die robuste Ledertasche (die nach regen Gebrauch aussah) und die solide Bauweise überzeugten mich sofort. Als ich die ersten Abzüge machte, war ich von den Socken. Das alte Zeiss Planar war einfach umwerfend in Schärfe und Kontrast.

Die Rollei hat keine Wechselobjektive, sondern „nur“ ein Normalobjektiv. Das mag in einer Zeit der Wechsel- und Zoomobjektive wie eine Einschränkung erscheinen – ist es aber eigentlich gar nicht. Man fotografiert natürlich anders mit einer Festbrennweite. Man „rolleigrafiert“, wie Fritz Henle es nannte. Henle, der später „Mr. Rollei“ genannt wurde, hat es auf den Punkt gebracht. Wenn man bestimmte Objekte formatfüllend fotografieren will, muss man entweder den Abstand entsprechend wählen, oder später eine Ausschnittvergrößerung machen. Oder man nimmt die Situation hin und fotografiert einfach los. Man hat nicht nur das Objekt fotografiert, sondern man hat das Objekt in seiner Umgebung fotografiert. Man ist also nicht Objektfotograf, sondern Szenenfotograf. Das ist der Unterschied.
Der Wunsch etwas zu fotografieren entspringt oft dem Gefühl, den Augenblick festzuhalten – und nicht nur ein bestimmtes Objekt abzubilden.
Im Moment der Aufnahme ist man vielleicht auf ein bestimmtes Objekt fixiert – später aber beim Betrachten des Bildes hilft oft das Drumherum erst wieder, den Augenblick zu rekonstruieren. Deshalb ist das Normalobjektiv nicht eine Einschränkung, sondern eine Hilfe, die natürliche Szene wahrnehmungsgetreu einzufangen: Der Aufnahmewinkel entspricht dem Betrachtungswinkel des menschlichen Auges und deshalb kommt das Foto mit dem Normalobjektiv dem natürlichen Sehen am nächsten.

Ein weiterer Grund, warum man mit der Rollei anders fotografiiert, ist der Sucher: Man hat keinen Durchsichtsucher, sondern einen Lichtschacht. Man sieht von oben hinein und betrachtet das Bild bereits wie ein fertiges Foto – nämlich mit Abstand. Das macht den Blick frei für die Ausgewogenheit der Komposition. Die Wahrnehmung im Augenblick der Aufnahme ist eine andere. Man rückt vielleicht deswegen öfter das Hauptmotiv aus der Bildmitte heraus, weil man bereits beim Blick auf die Mattscheibe mehr Gefühl für die Harmonie und Komposition entwickeln kann. Das ist anders, als würde man das Motiv wie durch ein Zielfernrohr aufs Korn nehmen. Das wirkt sich auch auf die Personen vor der Kamera aus. Sie fühlen sich vom Fotografen nicht „bedroht“ und verfallen nicht in Fluchtreflex oder setzen ihr Fotografiergesicht auf, sonder bleiben einfach natürlich und locker.

Ich habe mir das Fotografieren mit der Mattscheibe so sehr angewöhnt, dass meine erste Digitalkamera ein Modell mit Schwenkdisplay war. Erst damit konnte ich digital so fotografieren, wie mit der Rollei – mit Blick von oben auf das Bild. Ich glaube, dass viele Digitalfotografen aus dem gleichen Grund nicht mehr den Durchsichtsucher benutzen, sondern lieber die Kamera am ausgestreckten Arm dem Motiv entgegenhalten. Man hat einfach mehr Gefühl für das spätere Bild beim Betrachten des Displays.

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